Junger Mann zum Mitreisen gesucht – Bestellung beim Universum

Liebes Universum,

eigentlich will ich nicht gemeinsam verreisen, aber ich wollte mal vorsichtig fragen, ob du wen kennst, der Lust hat, mir ehrlich anerkennend auf den Rücken zu klopfen?!
Erwidere das dann selbstverständlich!

Bin eine treue Seele, patent und ganz gut aussehend und heute das erste Mal im Leben nicht zum Tanken selbst ausgestiegen.
Habe Akkuschrauber (lädt gerade) und war just bei der Fußpflege. (Sie meinte, das kriegen wir wieder hin.)

Morgen habe ich keine Zeit, weil ich einen Einsatz der Nächstenliebe übernehme, und heute Abend gehe ich mit einem alten Kumpel aus.

Aber danach, so ab Sonntag, denke ich, würde ich – bitte nicht allzu dezente, bin da merkbefreit! – Hinweise erkennen.

Liebe Grüße und vielen Dank vorab,

deine Mamamotzt

Ins Getümmel des Lebens …

Kleine Fußballjungs

Ein rumpeliger Haufen kleiner Jungs, die als Gruppe dezent orientierungslos wirken und unsicher sind. Alleine versuchen einzelne der Elf- oder Zwölfjährigen auch mal cool oder vorlaut zu sein. In der Gruppe trauen sie es sich aber noch nicht.

Unerwartete Liebe

Mamamotzt liebt diese kleinen Fußballfreaks unerwartet sehr!

Bis zum ersten Spiel direkt nach den Sommerferien kannte sich die Mannschaft noch nicht, gemeinsames Training gab es nicht, dementsprechend uneingespielt ist der D-Jugend-Trupp immer noch. Eine Spielgemeinschaft aus vielen Dorf-Sportvereinen zusammengewürfelt.

Für Fußball kann Mamamotzt sich nicht wirklich erwärmen, die ersten Eindrücke beim Schnuppertraining bestätigten auch alle Vorurteile. Aber es kam anders …

Bunte Truppe

Doch die kleinen Jungs haben es ihr angetan und ihre Unterstützung gewonnen. Sie kommen aus unterschiedlichen Dörfern und auch aus unterschiedlichen Ländern. Von mehreren sprechen die Eltern kaum oder kein Deutsch.

In der Chat-Gruppe fragen diese Jungs dann: „Mein Vater kann nicht fahn. Wer kann misch mitnem?“

Andere Kinder werden zu jedem Training gefahren und besitzen eine komplette Bundesliga-Trainingsausrüstung. (1 Shirt ca. 75 Euro! ..)

Fußball als Integrationsprojekt

Bei einem Spiel trafen sie auf eine Mannschaft, in der zwei Spieler relativ kurz in Deutschland leben. Die beiden verschmolzen mit dem Ball, umtänzelteten jeden Gegner, waren immer präsent, schnauften nie, zeigten eine atemraubende Leichtigkeit im Spiel und hinterließen einen mundoffenstehenlassenden Eindruck bei allen Beteiligten, weil sie einfach schön spielten. Die gegnerische Mannschaft gewann, und einer der beiden fragte auf dem Weg in die Kabine: „Wir gewinnt, ja?“ (Auf der D-Jugendebene fallen noch viele Tore, aber die Schiedsrichter sind Laien und erkennen nicht jeden Treffer an. Das Ergebnis dieses Spiels kannte tatsächlich nur der Schiri, alle Zuschauer hatten anders gezählt, insofern eine berechtige Frage und mit wenig Sprachkenntnis alles wichtige angesprochen.)

In der Mannschaft vom Brillanten stehen Eltern an der Bande und feuern auf russisch und armenisch, deutsch, türkisch und arabisch an. Kleine, rothaarige Geschwister fiebern darauf, dass der große Bruder noch einen Schluck Sportgetränk für sie in der Flasche übrig lässt. Unbekannte Eltern rufen sich gegenseitig aus dem Stau an und bitten, ob man sehr spontan in einer Schleife fahren könne und das eigene Kind zum Punktspiel abholen. Fremde Eltern kontaktieren Jungen per Smartphone, von denen sie wissen, dass es mangels Sprache und Mobilität mit dem Einsatz beim Auswärtsspiel sonst schwierig wird.
Ziemlich herzerwärmend, denn: bis vor sechs Wochen waren sich alle fremd!

Im Moment wächst da eine wunderbare Spielgemeinschaft zusammen. Keine verbissenen Eltern, keine bösen Auseinandersetzungen mit Schiedsrichtern oder gegnerischen Teams am Spielfeldrand, sondern eine wirklich unerwartet hilfsbereite Truppe.

Sport als Lebenshilfe

Der geliebte Trainer verordnet den Jungs eine Dusche nach dem Sport. (Die könnten sonst auch gut ohne … 😉  ) Wehe, einer hat Handtuch oder Duschgel nicht dabei, es kommt ihm kein Stinker vom Platz! Mit Handschlag begrüßen und verabschieden, Körperhygiene und Mithilfe beim Auf- und Abbau. Der Verein weiß aus Erfahrung, dass bei Jungen in diesem Alter Weichen für´s Leben gestellt werden und dass ein Trainer oft mehr Einfluss hat als die eigenen Eltern zu Hause. Pubertät lässt grüßen. Wer nicht spurt, steht beim nächsten Spiel daneben. Das zieht!

Doch, dieses „Fußball“ gefällt Mamamotzt unerwartet gut.

Und dem Brillanten gefällt es so gut, wie erhofft. Er ist überraschend flink und ausdauernd und verblüfft durch dusseligen Gesichtsausdruck bei unerwarteter Sprintstärke. Mal um mal bleibt ein Gegenspieler verdutzt zurück, weil es nicht vorstellbar ist, wie schnell der Brillant den Platz gewechselt und ihm den Ball abgeluchst hat.
Technisch könnten weitere Trainingseinheiten allerdings nicht schaden …

Familienfreude am neuen Hobby

Bislang finden auch die anderen Brillanten dieses Fußball unerwartet interessant. Man findet in jedem Match einen Spieler, den man beobachten kann, beißt sich optisch am Schiri fest oder beschäftigt sich mit dem Warmhalten der Auswechselspieler usw. usf.

Ohne einen Satz zum Ex geht es nicht: wüsste er, wie prima der Brillant sich macht, würde er sich sicher gerne mit diesen Federn schmücken („sein Talent vererbt“). Die zeitraubenden Trainingseinheiten und Auswärtsspiele würde er sicher ohnehin „leider“ nicht begleiten können. Aber es ist ihm auch noch nicht eingefallen, mal zu fragen, wie es denn so läuft und wo und wann der Brillant spielt. Und wer nicht fragt, der erfährt eben nichts. Immerhin weiß er, dass der Brillant spielt. (Mitteilungspflicht erfüllt.)

Möge der Familie die Freude an diesem neuen Hobby lange erhalten bleiben!

Aus

Die Vorteile: ohne schlechtes Gewissen das Bad einen Tag länger ungeputzt lassen, selbst stoppelig sein und den Wäscheständer im Schlafzimmer aufgeklappt lassen.

Kein Terminstress, weil der Abend unbedingt frei bleiben soll für Kuscheleinheiten oder lange bis längste Telefonate.

Das selbstgemachte schlechte Gewissen, seinen Ansprüche in diesem oder jenem nicht zu genügen: passé.

Fragen, die sich nicht mehr stellen, weil niemand mehr da ist, dessen Verhalten oder der selbst sie aufwerfen könnte.

Irgendwie sowas in der Art. Das sind die Vorteile für Mamamotzt, die sie sehen muss, weil wohl wirklich endgültig aus ist.

Sagte vor wenigen Tagen der Mann, der in ihrem Herzen immer Mr. Wow bleibt.

Tatsächlich fehlt die bessere Hälfte, sitzt der Schmerz gewaltig tief, sind ihr die Sinne abhanden gekommen. Keiner war so entspannend wie er, Worte, Stimme, Körper. Ein Held, der gar nicht heldenhaft agieren brauchte, der es für sie einfach war. Magie des Moments. Richtiger Ort, Komissar Zufall, großes Glück, Knistern und zwei Überglückliche.

Wo ist der Mann, der am Anfang nicht genug kriegen konnte, sich freute wie ein kleines Kind über die Aufmerksamkeit, der mit und ohne Rasierwasser duftet wie kein zweiter? Der Berufstätige, der durch Fleiß mehr erreicht hat, als Mamamotzt durch tolle Abschlüsse?
Der Papa, der seine Kinder über alles liebt und sich super dafür ins Zeug legt? Der Bruder und Schwager, der Onkel, der Sohn, der Nachbar,

DER INNIG GELIEBTE?!

Inzwischen ist es ihr ziemlich unklar, wie das ganze Zusammenspiel läuft. Natürlich sollte sie anfangs nicht der Grund sein und an ihr hätte es nicht gelegen. Ja, scheinbar stimmt es, dass die Gesamtsituation an ihm nagt und besonders die anstehende Scheidung Kräfte bindet. Aber kann das solche Gefühle so nachhaltig abtöten?

Sie war nur eine Übergangsfrau nach der Trennung, vielleicht geht das wirklich selten lange gut. Oder gesundheitliche Schwierigkeiten aus seiner Jugend holen ihn wieder ein und vernebeln sein Wesen.
Denn davon war am Ende nichts über. Mr. Wow sprach am Ende wie ein Außerirdischer zu ihr. Viele Fäden, die er vorher elegant in Händen hielt, sind ihm entglitten oder scheinen verknotet. Wobei es sich, überwiegend, um spinnenseidenfeine Fäden handelt. Die groben Taue liegen straff wie eh und jeh!

Warum, zum Beelzebub, sieht er denn nicht, was er fallen lässt?
Wieso nur hat er keine Geduld? Konnte er nicht mehr merken, wie wunderbar sie an seiner Seite aufblühte? Was er vermochte? Kann er nicht erkennen können, bei seiner sonstigen Klarheit, dass ihre liebende Hand viel Kraft und Halt bietet in seinem dunklen Loch derzeit?

Und übrigens ist das für die Brillanten auch nicht toll! Schon wieder ein Mann, der Mamamotzt kein dauerhaftes Glück beschert.

Die Zeiten, in denen sie aus guten Gründen lange aufblieb, sind vorbei. Kein süßes Gesäusel zum Einschlafen, kein überlanges Sofakuscheln mehr. Dabei war es für beide sehr beruhigend und seeleschmeichelnd. Einfach Nähe genießen, kein Druck, kein Stress, irgendein Ziel zu erreichen. Nur die Nähe.
Vermutlich tauchen die alten Bekannten Schlaflosigkeit und Angst vor der Nacht wieder auf.
(Anm.: Eine Nacht später: ja! Leider. Die letzten Wochen schon zeigte sich der Schlaf nur sparsam.)

Während er sich mit Ansage in die Arbeit stürzt und bereits die nächste Beförderung winkt, hat Mamamotzt wieder das alte Konzentrationsproblem. Tödlich für Kreative.

Bitte, liebes Universum, nicht zu lange, eigentlich, ehrlich gesagt, reicht es bereits.