Dilemma

Seit ´ner Woche ist Mamamotzt jetzt ordentlich angeschlagen. Schnappt nach Luft, krächzt herum und klagt über „zu-e Ohren“, auf denen Druck ist. Verläuft irgendwie ganz anders, als sonst bei ihr bekannt, dieser Rotz. Die üblichen Maßnahmen brachten keine Linderung.

Inzwischen ist es anstrengend, die Laune sinkt, sie fühlt sich matt. Aber nicht richtig krank (Kopf noch nicht unterm Arm). Und wie alle Eltern wissen: solange der Rotz nicht frühlingsgrün schimmert, darf das Kind in den Kindergarten. Also darf vermutlich Mama auch zur Arbeit.

Sie hört oft (aber nicht immer) durch den Druck auf den Ohren schlecht. Doof in einem Job mit viel Kommunikation. Oft (aber nicht immer) ist die Stimme weg. Doof in einem Job mit viel Kommunikation.
Richtig gesund ist sie nicht. Aber krank irgendwie auch nicht. Kein Fieber.

Als ewig Selbständige ist es echt schwierig abzuschätzen, ob man zu gesund für krank ist, oder zu krank für gesund. Mit viel zusammenreißen kann sie ihre Aufgaben schaffen. Hm.

Sie hat jetzt gute fünf Monate in zwei Jobs durchgearbeitet, überwiegend auch an Wochenenden. Muss ja.
Heuer begannen Osterferien, nächste Woche hat sie Urlaub bekommen. Wissen die Kollegen doch.
Sieht das nicht nach Schwänzen aus, wenn sie sich krank meldet? Obwohl die Kollegen wissen, dass sie angeschlagen war?
Kann man die Kollegen überhaupt im Stich lassen, in der schmaler besetzten Ferienzeit? Da sind schon alle sehr pflichtbewusst und emsig, im guten Sinn.

Auf keinen Fall darf sie in Verdacht geraten zu hudern, auf keinen Fall will sie die Firma schädigen. Auf keinen Fall darf der Job in Gefahr geraten.

Die Alleinerziehende mit Selbständigkeitshintergrund wähnt sich in einem kleinen Dilemma.

Thank you, refugees!

Ganz langsam zieht ein Alltag bei Familie Mamamotzt ein, den es so schon Jahre nicht mehr gab.

Die Verpflichtungen der Pflege für einen Pflegestufenpatienten sind weggefallen. Die Verpflichtungen mit dem anderen Pflegefall werden gerade ausgehandelt. Durch den Alltag. Der Kopf ist nicht ganz frei, aber ganz anders dauerbelastet mit der ständigen Bereitschaft und der Sorge, dass „etwas passiert“ ist. Ein paar mal täglich gucken, zeitaufwändige Fahrten, gemeinsames Essen usw. in räumlich getrennten Haushalten sind nicht gerade nichts. Aber es ist ungemein erholsam, dass manchmal auch ein Anruf statt persönlicher Visite reicht.

Kleinkinder und selbst versorgte Pflegefälle setzen etwa gleichviel Hirnkapazität in einen dauerhaften Alert-Modus. 

->  Pflegedemenz = Stilldemenz

Trotzdem gelingt es Mamamotzt mehr und mehr Zeit am Schreibtisch zu verbringen. Zum einen sind da noch Aufträge, die abgearbeitet werden müssen, zum anderen ist die Flüchtlingsthematik auch hier im großen Stil angekommen und die Orga des Krams im Netz fiel auf … Mamamotzt. Das echte Leben von da draußen, auf einmal wieder ganz viel davon. #notjustsad

Es ist unglaublich, was das echte Leben an Zeit frisst, besonders nachts, wenn alle Telefonate und Besuche und Gespräche geführt sind, die Kinder versorgt und ihre Hausaufgaben erledigt sind.
Und es fühlt sich so ungeheuer lebendig an. Mittenmang dabei. Eine wegweisende Rolle haben. In völlig sinnlose Streitereien reingezogen werden. Selbst der Gegenstand von Kritik zu sein. Menschen ganz neu kennenzulernen, intensiver als vorher. Durch den Wegfall des gestorbenen Menschen auch ein anderes Standing in der Gesellschaft haben. Sichtbar geworden sein.

Jahrelang oder vielleicht noch nie gelang es Mamamotzt zufriedenstellend, eine größere Menge Menschen irgendwie näher kennenzulernen, als etwa eine Handvoll. Irgendwas war da blockiert.

Frag nicht nach, das macht man nicht! Sei nicht so neugierig! Das geht dich nichts an! Lass die Menschen in Ruhe! Mach dich nicht mit dem gemein! Du willst doch nur von der Bekanntschaft profitieren, das gehört sich nicht! 
Selbstzensur in der Art. Ätzend, erkannt, aber nicht auszuschalten.

Möglicherweise gelingt es jetzt. Die Chancen stehen gut. Es geht rasant vorwärts.

Thank you, refugees! Ihr habt da was in Gang gesetzt!

Eine Farce – Sorgerecht bei geschiedenen Eltern

Eines der Kinder hat ein Problem und benötigt eine Therapie. Bzw. eine Diagnostik erstmal.

(Wer nicht mehr leben will, bereits Anstalten macht, mitten im Winter auf die Straße zu ziehen und auch sonst immer mal einen todunglücklichen Eindruck vermittelt, fällt als Kind nicht mehr in den Bereich „es ist nur eine Phase“.)

Endlich ist die monatelange Wartezeit auf das Erstgespräch vorbei, da platzt in der Praxis die Bombe.

„Getrennt?! Gut, lassen sie den Ex bitte hier unterschreiben!“

Mamamotzt erklärt, dass sowas erfahrungsgemäß schwer wird, der Ex besonders zu solchen Momenten komischerweise nicht greifbar ist und er davon abgesehen aus freien Stücken lediglich die Rolle als fehlender Vater im Alltag einnähme. Von seiner Einwilligung könne doch die eventuelle Therapie nicht abhängen.

„Doch!“

BÄMM!
Bämm

Bitter!

Mamamotzt ist seit sieben Jahren komplett alleine mit den Kindern, ohne einen Handschlag an Unterstützung durch den KV, ohne einen Cent an Alimenten. Arbeitet sich krumm und gibt ihr letztes Hemd, bastelt und repariert, tröstet und gibt Nachhilfe, feiert und kämpft wie eine Löwin.
Aber weil das Gesetz so ist, hat der andere Elternteil trotzdem die Macht, alles mögliche zu verhindern.
Durch Nichtstun in diesem Fall, er muss noch nicht mal aktiv werden.

Und das ist völlig in Ordnung! Rein gesetzlich.

Nächster fataler Schritt: das Einschreiben

Mamamotzt schrieb also flugs einen Brief an den Ex und brachte ihn zur Post. Da der Ex öfter „keine Post erhalten“ hat, gab sie den Brief als Einschreiben auf. Und meinte Einwurfeinschreiben. Dummerweise muss man das extra sagen, das Einwurfeinschreiben kostet auch weniger als ein normales Einschreiben, es wird dann schlicht in den Briefkasten eingeworfen und gilt als zugestellt. Das Einschreiben wurde vom Ex nicht angenommen und liegt jetzt im Postamt (wahrscheinlich ist er länger nicht zu Hause, er hat es auch zwei Wochen lang nicht abgeholt). Der Brief müsste auch längst wieder zurück sein, weil er länger als sieben Tage nicht abgeholt wurde, aber irgendwas hakt wohl gerade bei der Post.
Ausgerechnet jetzt.

Warum keine Mail, kein Fax, kein sonstnichts?
Weil Ex nicht über einen Drucker verfügt. Und falls er inzwischen einen hätte, wäre Papier oder Farbe alle und er zu klamm, neues zu kaufen, oder, oder, oder.
Es war die vermeintlich leichteste Möglichkeit für ihn, dem Kind die benötigte Unterschrift zu gewähren.

Naja, falsch gedacht.

Und nun?

Alles ist möglich. Von der gerichtlichen Zustimmung, die Mamamotzt im schlimmsten Fall einholen wird, über viele Rügen, die sie garantiert wieder einstecken muss, weil sie den Ex nicht zur gemeinsamen Sorge motivieren kann, bis zur nicht stattfindenden Therapie.
!!!! *scheitschiebenScharenmmchtrrgrrrnichts!!!!

*Zähnewiederauseinander*

Mamamotzt hat keine Ahnung. Aber irgendwie muss es ja weitergehen. In einer äußerst knappen Woche sind da bestimmt noch irgendwo einige Fahrten und Stunden zu Ämtern und Behörden drin, um alles gesetzeskonform zu erledigen.

Blöde Gesetze, manchmal. Fühlen sich so oft wie Knüppel zwischen den Beinen an.

Ferienende

Es war der letzte Ferientag und die Erholung war bereits seit drei Tagen dahin.
Rückblick: Familie Mamamotzt hat es tatsächlich geschafft, sich für einige Tage loszueisen und war „weg“.
Es war so schön,  ein ganz einfaches Leben. Wind, Wellen, Meer, nicht mal Radioempfang, und nur ab und zu fand das Handy ein fremdes WLAN.
Einfach nur die Kinder und sie. Extraordinaire, um es wie ein Franzose zu sagen.
Doch am letzten Urlaubstag dann die gefürchtete Situation: Notfall bei den Pflegefällen, echt dumm gelaufen, überhastete Heimkehr statt geplantem, weiteren lazy Strandtag und dem ihnen wichtigen Familienzeitabschluss.
Am nächsten Morgen gleich weiteren Terminstress mit den Pflegefällen und die Brillanten mussten die Woche über weitgehend alleine klarkommen.
Vom Montag bis zum Sonntag war diese  Woche voll mit Verantwortung und Termindruck und anderen Unschönigkeiten.

Man will einfach zu viel und ist enttäuscht, wenn man es nicht bekommt. Und wenn es nur ein wenig Heiterkeit ist.

Chemo in den Sommerferien

Mamamotzt wollte nicht nur unangenehme Stories schreiben, denn natürlich gibt es auch sehr viel schönes im Leben.
Aber irgendwie ist manchmal der Wurm drin.

Dieser Post sollte lauten: „Wie wir spontan das erste Mal richtig Ferien machten“.

Leider war er noch nicht fertig, und nun wird er eben anders heißen. Mal wieder.

In den Jahren als Schulkinderfamilie hat die Mamamotztfamilie erst einmal richtig Sommerferien gemacht. Fast eine ganze Woche, so mit Urlaubsplanung und so.
In den den ersten Jahren liefen parallel noch Kiga und Krippe, die Zeiten muss man als Alleinerziehende zum Arbeiten nutzen. Also nur rund drei Wochen, in denen alle Kinder zu Hause waren im Sommer. Für diese Zeit hatte Ex jedes Jahr angekündigt, er wolle unbedingt die Kinder für länger holen und melde sich, sobald er zeitlich einen Überblick habe.
Daraus wurde bis heute: Einmal total gezwungene drei Tage. Und die auch noch 30 Stunden zu spät begonnen.

Man arrangierte sich, es war saublöd. Mit den Kindern fuhr sie spontan Freunde mit kleinen Kindern besuchen, nicht länger als ein paar Tage, weil man mit drei Steppkes die Gastgeber schon strapaziert. Oder den Patenonkel ohne Kinder und ohne Platz besuchen, aber mit Verständnis. Und ansonsten: Jedes Angebot öffentlicher Ferienbetreuung nutzen und durcharbeiten. Denn als Alleinerziehende, Selbständige schafft man in der Medienbranche quasi nur mit straffem Durcharbeiten, lebenswürdiges Einkommen zu generieren. Vollzeit ist aufgrund der ausbaufähigen Betreuungsangebots nicht möglich.
Der Pflegefall kam dazu, Mamamotzt konnte wieder nicht planen. Da man nie weiß, wie es dem Pflegefall in bsp. einem halben Jahr geht, ist es nicht ratsam, zu buchen/planen. Fremdpflege verweigert der Patient bis zum äußersten. Das ist nicht mehr zu ändern, es lässt sich also kein „Pflegeersatz“ beschaffen.

Heute, am letzten Schultag, wollte Mamamotzt nach dem traditionellen Feiertagswampevollschlagen nun nach Last-Minute- oder Urlaubseinspringer-gesucht-Annoncen schauen, da steht fest:
Der Pflegefall bekommt ab Montag die Ferien über Chemo.
Und da es nicht das erste Mal bei diesem Patienten ist, sind die bekannten, gravierenden Nebenwirkungen zu erwarten.

Ehrlich! Sie wollte in diesem Jahr mit den großen Ferien anfreunden und sie mal nicht als Last sondern als rekreative Zeit genießen, tatsächlich mal den Patienten einfach Patient sein lassen, natürlich top versorgt, und ihm einfach aus dem Urlaub eine Postkarte schicken.
Die Zeit mit den Kindern ge-nie-ßen! Und nicht als puren Orgastress erleben.

Aber während einer Chemo gilt es immer wieder, nicht absehbare Notfallentscheidungen zu fällen (multimorbider Patient, kein junger, fitter Mensch!). Da ist ein 100 Kilometer-Ausflug eigentlich schon zu viel.
Mamamotzt hat Vollmacht für alles und als einzige den Überblick über die kuriose Krankengeschichte, eine Verantwortung.

Man hofft jetzt bloß, dass das Wetter patientengerecht ist, damit nicht noch wetterbedingte Wehwehchen alles verkomplizieren.
Egal, ob das Schwimmbad oder sechs Wochen Monopoly mit dicken Pullis bedeutet.

Meh.

Mamamotzt ist aber nicht der Patient. Nur die Pflegerin. Zum Glück.