Geburtstage

Drei unveröffentliche Blogposts weiter. Mindestens!

Immer noch Pflege. Immer noch hängen zwischen hoffen auf Leben und hoffen auf erlösenden Tod. Verdammter Mist! Die Lage ist angespannt!
Der Patient wird von Palliativ entlassen, weil die Ärzte nichts mehr tun können. Im Papier steht auf eigenen Wunsch. Stimmt nicht. Aber was will man machen?!
Die Fallpauschalen geben nicht mehr her und ganz ehrlich ist Rettung ja auch nicht möglich.
An einem Tag faltet der Patient am Telefon noch Handwerker zusammen für während der Abwesenheit getätigte Leistungen, am nächsten Tag sind nicht mal mehr die Medikamente in den Patienten reinzubekommen.
Ein Angehöriger bezweifelt konkret das Erwachen am Folgemorgen. Irgendwer hatte was falsch dosiert.
Sowas sind die Folgen. Schwupp, mal eben einen umgebracht. War keine Absicht.

Am Folgemorgen gibt es immerhin wieder Frühstück.

Verwandte kommen. Wie immer. Kritisieren Mamamotzt, die komplett leer und durch den Wind ist. Bleiben einen Tag und drehen ebenfalls durch.
Kein Wunder.

Andere Verwandte schieben Mamamotzt die medizinische Verantwortung zu: „Du musst doch, du bist doch, wer, wenn nicht du?!“
Mamamotzt ist leer und durch den Wind.

Ein weiterer Kindergeburtstag steht ins Haus. Vom weltallerbesten Kind, vom großen. Vom Anfang dessen, was einmal die weltallerbeste Familie werden sollte. Jedes Jahr ein ganz besonderer Einschnitt.
Damals.
Als alles noch voller Hoffnung war.

Ein Oktobertag in einem wahrhaft goldenen Oktober. Oft schob Mamamotzt den Kinderwagen knapp zwei Wochen nach dem Kaiserschnitt zur Uni. Im Sonnenschein, im T-Shirt. Zwei! Wochen!
Sie wollte nichts versäumen, Semesterbeginn und Geburt lagen günstig beieinander, Profs. und Mitstudenten waren verwundert aber einverstanden.

Hunde waren normaler an der Uni, in Vorlesungen, als Babies. In der Uni-Krippe waren keine Studentenkinder, sondern nur die des Personals. Also: der Gattinnen der Lehrenden.

Mamamotzt arbeitete weiter, pflegte ihre Ehrenämter und studierte weiter. Ein wenig langsamer halt, aber sonst wie gehabt. Das Baby war nicht besonders pflegeleicht, aber mei, Mamamotzt hatte eh keinen Vergleich.
Aufgeben gab es nicht, sie ging frohen Mutes in der neuen Aufgabe auf.

Pünktlich zum ersten Geburtstag kam Mamamotzt von einer Forschungsreise zurück. Wenige Monate hatte das Kind bei den Großeltern verbracht, weil Mamamotzt das Leistungsstipendium des DAAD (Deutschen Akademischen Austauschdiensts) natürlich wahrnehmen wollte.

Der zweite Geburtstag wurde mit bereits mit Geschwisterchen gefeiert, und mit einer bis heute BFF. Mamamotzt arbeitete weiter nebenbei und pflegte noch ein Ehrenamt, allerdings musste sie es dann aufgeben. Mit zwei Kleinstkindern wurde es doch langsam eng.

Der dritte Geburtstag war nochmal kleiner Kreis. Das Kindchen so ein süßes. ❤ Am vierten Geburtstag gab es die erste, legendäre Schnitzeljagd, von der noch viele folgen sollten im Familienleben.
(Das beste Konzept, immer wandelbar, immer flexibel, immer draußen. Einfach passend.) Am vierten zeigte das Kind das einzige mal im Leben die unsoziale Ader und haute einige der Gäste. Übersprungshandlung, oder so. Höhö.

Am fünften Geburtstag war man erstens kindermäßig bereits zu dritt und frisch im Erwerbsleben, aber auch inzwischen sehr am Zweifeln, was die Ex-Qualitäten als Familienmann betraf. An solchen Tagen bemerkt man einiges. Gast auf der eigenen Feier. Tat keinen Handschlag.

Der sechste Geburtstag wurde direkt bei der BFF gefeiert, weil der Ex sowieso keine Zeit hatte. Und noch irgendwas war. Egal, war groß-ar-tig! Es waren inzwischen ohnehin genug Kinder, BFF hatte Geschwisterchen, Kind groß gleich zwei, plus Erwachsene, das langte.

Der siebte Geburtstag wurde bereits an einem anderen Wohnort gefeiert.
Mamamotzt hatte Glück (eigentlich Fleiß und Talent und so) und hatte direkt neue Auftraggeber, wohnte aber zufällig alleine. Also: ohne den Ex. Der konnte noch nicht hinterherziehen. Mitziehen ging ja auch noch nicht.

Egal, der Geburtstag war toll, mit neuen Freunden am neuen Wohnort und ohne Ex. Und so.
Hat Mamamotzt einfach mal so gewuppt. Vorher arbeiten, anschließend arbeiten. Zu der Zeit hatte sich die Betreuungszeit halbiert, doch die Aufträge waren ganztägige.
Mamamotzt machte.

Plötzlich fast erwachsen

Nun, Jahre später, einen jungen Erwachsenen vor Augen, die eigene Erwerbstätigkeit stillgelegt, seit Jahren einen Pflegefall versorgend und einen leichten dazu im Schlepp, gibt es keine Feier in dem Sinn.

Nicht schon wieder den drölfunzigsten Kindergeburtstag alleine ausstatten. Nicht schon wieder einen Chauvi-Ex auf dem Sofa sitzen haben am Abend (im besten Fall!), der zwar kein Geschenk bringt, aber sich als wunderbaren Lebensspender feiern lässt, nicht schon wieder und überhaupt. Zum über 30. mal. Irgendwann hörte das Zählen auf.
Vielleicht eine kleine Feier mit dem Pflegling. Vielleicht nimmt der noch irgendwas wahr. Vielleicht steht aber stattdessen auch bereits der Bestatter im Zimmer.

Das tägliche Leben. Seit Jahren.

In diesem Jahr besonders schlimm. Drei Brillanten. Drei Geburtstage. Drei mal im Schatten des Todes. Der letzte Geburtstag begann schrecklich mit stundenlang im Regen ausgesperrten Kindern und einem Notfall Krankenhaus. Am Ende war es dank einer lieben Freundin ein wunderschöner Geburtstag.
Der nächste darf aber ruhig anders werden.

Was zu erwarten ist

Die Familienfeier, die geplant ist, wird hektisch irgendwie nach den Befindlichkeiten des Pfleglings ausgerichtet werden. Ist ein Handwerker-zusammenfalt-Tag oder ein Tag, an dem nicht mal Flüssigkeit aufgenommen werden kann? Oder gar ein Sterbetag?

Das Morgenritual des Geburtstagstags im Haus Mamamotzt selbst wird aber sein wie immer. Seit dem Umzug damals. Und wird nicht verraten.

Mamamotzt wird müde sein, weil sie mitten in der Nacht noch Blogbeiträge schrub. Aber das ist ok. In der Nacht konnte sie nicht schlafen.
Und zu einer Arbeit muss sie nicht mehr, sie hat sie ja gerade aufgegeben. Weil es nicht mehr ging.

Nur Pflege und …, ja, ein wenig Pflege eben.

Allzugerne würde Mamamotzt nicht alle Geschenke alleine besorgt haben.
Allzugerne würde Mamamotzt sich freuen, dass sich ein anderer Erwachsener mit freut über das wohlgeratene Kind.
Allzugerne würde Mamamotzt nachdem die Kinder morgens das Haus verlassen haben auch zur Arbeit gehen, die Kraft dafür vorausgesetzt.
Allzugerne würde Mamamtotzt sich nicht so dermaßen mutterseelenalleine fühlen als Mistress of Ceremony, weil die Trauer über die Einsamkeit so laut aus ihr strahlt und auch an so einem tollen Tag gerade nicht zu dämpfen ist.

Änderungen

In all den Jahren gab es so viele Veränderungen. Die meisten oder zumindest viele davon ungewollt und leider nachhaltig nicht geschätzt. Trotzdem hat Mamamotzt immer das beste draus gemacht.

Steht doch auch in der Berufsbeschreibung als Mutter: „Jede Situation retten, und sei sie noch so schwer.“

Immer ging es irgendwie weiter, wenn auch meist mehr irgendwie als weiter.
Nun, ohne Job und kurz vor einem (erlösenden) Trauerfall scheint die Zeit aber still zu stehen. Oder Mamamotzt hofft, dass sie still stünde, damit alles wieder paletti ist, wenn es weiter geht.

Wenig ist so geworden, wie sie es sich erträumt hat. Vorgestellt hat. Oder wenigstens erhofft hat.

Das Gefühl von alles richtig gemacht und trotzdem alles falsch geworden brüllt derzeit unhöflich laut herum. Schreit irgendwas von Ungerechtigkeit. Oder so.

Druff jeschissen

Es werden Kerzen brennen, es werden Geschenke ausgepackt, es wird Süßkram gefuttert. Es ist Brillantengeburtstag!

Ohne Ex. Ohne Ex-Geschenke. Mit Familie. Mit Liebe.

Happy Birthday, großes Kind!

Advertisements

Ein Gedanke zu „Geburtstage“

  1. Vielleicht ist das auch ein hilfreiches Signal an die Brillianten? Sowas wie: Goldene Löffel ham wa nich, drumrum ist manchmal Mist, ich bin Deine Mutter, von mir kriegste Liebe und Vertrauen in Dich. Und manchmal Kuchen. Das ist so. Alles Weitere ist auch schön und manchmal da. UNd mit ein wenig Glück finden dann Geburtstagskind und Geschwister auch, dass sie die allerbeste Mutter der Welt haben. „Familie“ kann ja sehr unterschiedlich sein.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s