Blog im Buch (heitert heute nicht gerade auf)

Weia, passt das Buch zur Stimmung? Oder bedingt das Rezensionsexemplar gar die Stimmung?

Mamamotzt macht ihrem Namen mal wieder alle Ehre und ist dauerschlecht drauf. Die Frühstückserdbeeren schockfrosten, sobald sie am Tisch Platz nimmt.

Und dann noch das Buch von Mama_arbeitet bzw. Christine Finke, in dem jeder nachlesen kann, was zu anhaltend schlechter Laune führen kann. Kann, nicht muss. Es ist jedem selbst überlassen.

Auf 240 Seiten schreibt Mama_arbeitet offen über den großteils anstrengenden Alltag als Alleinerziehende mit mehreren Kindern. Das Buch liest sich leicht, aber leichte Kost ist es nicht.

Es geht in dem Buch um Themen, mit denen sich viele Alleinerziehende in diesem Land sich auseinandersetzen müssen, und von denen die meisten glauben, dass es individuelle Probleme seien.

Was ja auch praktisch wäre, denn dann wäre allein die Betroffene (ca. 10 Prozent der Alleinerziehende sind Männer und die sind meist in nicht vergleichbarer Situation) Schuld an ihren Schwierigkeiten.

Schwierigkeiten, als da wären:

  • Betreuungszeiten korrespondieren nicht mit Arbeitszeiten
  • auskömmliche Arbeitsstellen sind schwer zu finden
  • Verantwortung für alles, die den bewusst lebenden Alleinerziehenden wie ein Natopanzer auf den Schultern lastet
  • nicht endende Auseinandersetzungen um Umgang und Unterhalt 
  • fehlende Pausen im Alltag
  • Steuernachteile
  • Diskriminierung als Familienform

 

Kann doch alles gar nicht sein! Es gibt doch in Deutschland Gesetze für alles und natürlich auch für getrennte Familien.
Aber es gibt halt auch immer Ausnahmen von Regeln und noch viel häufiger gibt es Möglichkeiten, wie Gesetze umgangen werden können oder wie sie nicht greifen, obwohl sie Gesellschaftsgruppen stärken sollen.

Zu Umgang/Unterhalt ist an dieser Stelle nichts hinzuzufügen, geneigte Blogleser wissen, dass die vorhandenen Gesetze eine Menge Ausweichmöglichkeiten bieten.

In der vom Geburtsort gelösten Gesellschaft stehen Alleinerziehende häufig am neuen Wohnort ohne soziales Netz und ohne Familie da. Im eng getakteten Alltag gelingt es lange nicht ausreichend, neue, tragfähige Netze zu knüpfen und in der Folge haben etliche Alleinerziehende schon Schwierigkeiten, Elternabende zu besuchen. Denn: wer passt auf die Kinder in der Zeit auf?

Alleinerziehend werden oder sein und plötzlich ohne Job dastehen ABER nicht vom Amt leben wollen, sondern von eigener Hände Arbeit? Gar nicht so leicht! Von Betreuungsengpässen in den umfangreichen Ferien, irgendwie doch eher nachteiligen Kinderkranktagen und lustigen Sportvereinsterminen am Nachmittag gibt es jede Menge strukturelle Hürden.

Ohne Job kein Geld und ohne Geld keine gesellschaftliche Teilhabe. Das bekannte Thema unterfüttert das Buch mit anschaulichen Beispielen.
Promoviert und aus gutem Haus zeigt Mama_arbeitet, dass man dafür nicht aus einer Familie mit Hartz-IV-Karriere stammen braucht, sondern dass nur eine Scheidung und wenige Monate zwischen lässigem Leben im Eigenheim im Grünen und Sozialwohnung liegen (komprimiert zusammengefasst).
Tut weh und will nicht jeder wissen.

Richtig klasse sind die Geständnisse im Buch, dass es Frauen gibt, denen Job und zufriedene Kinder wichtiger sind, als Staubmäuse hinterm Sofa. Frau denkt ja, dass sie die Erste sei, die Prioritäten solchermaßen setzt und hat, jetzt ohne Jux!!!, auch lange Angst, dass ihr die Kinder weggenommen werden können, sollte der Haushalt nicht picobello sein! Ähem.

Mama_arbeitet versichert glaubhaft in Interviews zum Buch, dass die sehr persönlich erscheinenden Einblicke in den Alltag der Alleinerziehendenfamilie nur die Spitze des Eisbergs seien. Wer selbst alleine Kinder erzieht, kann es sich denken, andere mögen die Nase rümpfen über „zu viel“ Einblicke ins Private. Aber das Private ist politisch, das, was die Menschen wirklich erleben, ist das, um was es geht.
Die Offenheit ist mutig und wichtig und Mamamotzt dankt dafür vielmals!

Über neue Partner steht nicht viel drin, außer dass Alleinerziehende im Schnitt einige Jahre alleine bleiben. Je älter die Kinder, desto kürzer, war es wohl. Demzufolge bleibt das Thema auch ausgeklammert, was mögliche Unterstützung oder mögliche andere Herausforderungen betrifft, Stichwort Patchworkfamilie. schadet aber nicht, das Buch liest sich wirklich gut und beschreibt zumindest das Leben von zwei Alleinerziehenden sehr treffend: anstrengend und immer auf Kante.

Und via Twitter gewinnt man den Eindruck, dass durchaus noch mehr Frauen in Deutschland mit ihren Kindern so oder ähnlich leben/existieren/dahinwabern. Siehe oben: immer auf Kante oder schon knapp drüber.

Änderungsvorschläge

Die Autorin ist als Stadträtin aktiv und hat Änderungsvorschläge parat, für die kommunale Ebene gleichermaßen, wie für gesellschaftliche Umdenke.

Die Vorschläge sind in die Kapitel gestreut, am Ende gibt es Listen mit weiterführenden Tipps für andere Alleinerziehende.

Mamamotzt sagt danke, dass diese Lebensform so ausführlich dargestellt werden konnte, an Autorin und Verlag! (Auch für die freundliche Erwähnung an mehreren Stellen, – waaah! Dieses minikleine Pupseblog ist literarisch dokumentiert! Ritterschlag!)

:-*

 

Christine Finke

Allein, alleiner, alleinerziehend

Wie die Gesellschaft uns verrät und unsere Kinder im Stich lässt

Bastei Lübbe

Paperback
Politik und Gesellschaft
239 Seiten
ISBN: 978-3-7857-2559-7

 

Carola Fuchs: Mama zwischen Sorge und Recht

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Solange Frau sich auf den Partner konzentriert, läuft alles wunderbar. Mit einem Kind in der Beziehung mutiert der Partner dann aber selbst wieder zum Kind und buhlt mit einem Neugeborenen (!) um die Zuneigung der Liebsten. Die Liebe zerbricht und der Streit ums Kind beginnt. Kann auch anders verlaufen, aber bei Carola Fuchs und ihrem Freund war es so.

Carola, deren Buch „Mama zwischen Sorge und Recht“ leicht in einem Zug zu verschlingen ist. Mamamotzt hatte zwischendurch sogar nicht mal Luft geholt, offenbar, und war nach der atemlosen Lektüre völlig fertig. So realistisch und so dicht am eigenen Erleben ist der Roman geschrieben, der auf einer wahren Familiengeschichte basiert.

Carola (Pseudonym) schildert das (anstrengende) Leben einer Alleinerziehenden nach der Trennung, die sich immer wieder mit neuen abstrusen Wünschen ihres Ex Thomas auseinandersetzen muss.

Das Leben geht weiter und neue Partner tauchen auf beiden Seiten auf, ganz normal und genauso normal, dass dieser Fakt die schwierige Elternbeziehung nicht zwangsweise befriedet.

Dass es für Carola vergleichsweise leicht war, einen tollen und langfristig zuverlässigen, neuen Partner zu finden, schmerzte Mamamotzt bei der Lektüre in der Zeit nach #dasAus leider gewaltig. Auch, wenn es vielleicht nur erdacht ist. Die Kennenlernphase und die Details einer jungen Beziehung mit Kindern aus früheren Partnerschaften sind anschaulich beschrieben. (Nicht nur die Probleme wegen des Ex wälzen, sondern eigene Themen und Visionen pflegen.)

Wie eine gute Bekannte

Überhaupt liest sich das Buch wie das Leben einer guten Bekannten, deren Trennungsgeschichte man direkt und über einen längeren Zeitraum mitverfolgt. Mal leidet man mit, weil es doch nicht sein kann, dass der eigensüchtige Ex mit seinen unmöglichen Ideen bei Jugendamt und sogar Gericht Gehör findet und die Bemühungen von Carola um eine stabile Elternebene sowie als Alltagselternteil gar nicht berücksichtigt werden, mal denkt man, ein bisschen was an dem schiefen Verhältnis hat sie sich aber auch selbst zuzuschreiben.
In den jeweiligen Situationen kann jede Frau aber nur selbst wissen, wie sie akut in dem Fall handeln will und es nicht bei zeitlich erheblich nachgelagerter Lektüre wahrhaftig beurteilen, wie sie in dem Augenblick vielleicht entschieden hätte.

Momente, in denen der Vater vor Gericht einen Freifahrtschein für seine Umgangswünsche bekommt, obwohl sie dem Kindeswohl offensichtlich nicht zuträglich sind, lassen Leser schlucken, die vor ähnlichen Problemen stehen. Das Recht des Vater wird höher gehängt, als das Wohl der Kinder. Und das, obwohl er selbst den Umgang verleidet oder vereitelt und es der Mutter in Schuhe schiebt.

Ja, doch, kommt Mamamotzt sehr bekannt vor.

Immer wieder wird Carola von der Jugendamtsmitarbeiterin bei Entscheidungen übergangen oder vom Richter kritisiert.

Zu unsensibel und zu wenig Einzelfallorientiert, sagt Carola am Ende über das aktuell in Deutschland praktizierte System.

Irrationaler Partner

Auch die vollkommen irrwitzigen Reaktionen des Vaters, der noch Jahre nach der Trennung Besitzansprüche gegenüber Carola anmeldet, sie in anderen Momenten ermorden will, der die (ohne regelmäßigen Kontakt zustande gekommene, angebliche) innige Nähe zu seinem kleinen Kind beschwört und es kurz darauf anpflaumt, dass die Wände wackeln, sind offenbar kein Einzelfall.

In wunderbar anschaulicher, unterhaltsamer und heiterer Sprache hat Carola Fuchs den Weg vom ersten Treffen mit ihrem Ex über Geburt, Trennung und den Rosenkrieg beschrieben, bis das Kind am Ende acht Jahre alt ist.

Trennungserfahrene mit väterfreundlichen Ämtern und Gerichten werden das Buch gerne lesen, trennungsunerfahrene Eltern finden eine unterhaltsame Lektüre über eine alleinerziehende Mutter im tiefen, idyllischen Bayern mit einer großen Portion Lebensfreude.

Zum Buch: http://www.carola-fuchs.de/buch-bestellen/