Oh, du dringende Dringlichkeit

Da war doch neulich der angeblich so verzweifelte Vater, der so dringend herzlich gerne seine Kinder (aka Brillanten) sehen wollte. Der die Mutter (aka Mamamotzt) beim Jugendamt so schlecht machte, wie nur irgend möglich.
Der zusagte, sich dann eben spontan (und das ist genau das, was er eh immer wollte!) zu melden und mit den Kindern Umgang abzusprechen. Auf gut Glück, ohne, dass sie sich Zeit freihalten müssten.

Er sollte sich rund eine Woche vorher melden.

Und: er meldet sich nicht.

Da war doch der Vater, der tatsächlich anrief und sich erkundigte, was er dem jüngsten (aka bestechlichsten) Kind zum Geburtstag schenken könne. Das Kind freute sich und gab noch einen Wunsch auf. Via Jugendamt hatte es bereits Wünsche mitgeteilt.
Es kam: kein Geschenk. Geburtstag: vorbei.

Familie Mamamotzt wünscht sich einfach Ruhe und nicht immer wieder Enttäuschungen durch diesen Mann.

Ende Tagebucheintrag Freitag.
Eine Woche, in der Ex vermutlich in Ruhe seiner angeblichen Arbeit nachgehen konnte. Mamamotzt kutschierte von Krankenhaus zu Kinderarztterminen und Schulgedöngse. Aufm Land, Entfernungen. Tageverschlingend.
Ins Büro dann in Ruhe nächste Woche.
Hopefully.

Therapie ja-nein?!

Das Blog, um Gedanken zu sortieren. Weil kein Vertrauter/r da ist, mitzusortieren. Auf, auf!

Ein Brillant hat eine LRS und könnte Therapie gebrauchen. Die Diagnose kam in den Sommerferien und für Mamamotzt überraschend. Das Kind hat eigentlich doch psychische Problem, ist meganiedergeschlagen. Es liest und schreibt flüssig, und dass die Generation „Schreiben nach Gehör“ da etwas hinkt, hat doch bis jetzt niemanden gestört.

Die Ärztin wirft seelische Behinderung und einen §35A (KJHG) in den Raum. Ja, das passt! Komplettblockaden, Verweigerungshaltung bis zum Maximum etc. In der Schule. Außerhalb immer seltener. In der Freizeit fast gar nicht mehr (Aufräumen zu Hause etc., das kennen doch bestimmt viele).

Da will man natürlich fördern, oder soll das Kind weiterhin den Leidensdruck verspüren? Also: Therapie!
Am besten einen Antrag stellen auf Kostenübernahme, denn eine Einheit ist dammisch teuer. Mindestens 50 Euro! Und in etwa kann man mit 50 Sitzungen rechnen. Wochentakt. Das sind rund 2500 Euro im Jahr. Heißa hoppsa!

Ahnungslos stellt Mamamotzt den Antrag auf Kostenübernahme und muss nach weiteren Wochen des Wartens in einer stundenlangen Sitzung erfahren, dass:

  • hier auch nochmal viele Anträge gestellt werden müssen.
  • unbedingt der Ex alles absegnen muss (Himmel, bloß nicht! Gibt nur Stress und Gerenne und sein Wichtigkeits-Getue, eine Unterschrift aber eher nicht oder erst seeehr spät.).
  • sehr enge Zusammenarbeit gefordert wird mit dem Elternhaus (sprich: dass Mamamotzt zu x Terminen antanzen muss, Buch führen muss, usw. Ex ist natürlich entschuldigt).
  • es mindestens ein Jahr dauert, bis über den Antrag entschieden wird, Unterbesetzung, UND viele weitere Untersuchungen im Vorfeld stattfinden. Die vorher schon in ebenfalls monatelanger Wartezeit für die Diagnose durchgeführt wurden. WTF?!
    Zeit verplempern ohne Ende!

Per Antragsstellung ist man zudem drin in der Überwachungsmaschinerie des überregionalen Jugendamts. Abgestempelt als: „unfähig“. Vielleicht ist es nicht so oder man sollte es nicht so sehen. In Mamamotzts Ohren klingt es aber so.
Allein ihre Nachfrage bezüglich der gemeinsamen Unterschriften wurde so barsch abgewiegelt, dass sie sich bereits als Querulantin wahrgenommen fühlt.
Danke, Ex!
Begründung für gemeinsame Unterschrift: Ex könnte ja nicht einverstanden sein.
SUPER! Tut nichts, macht nichts, kümmert sich nicht, aber so eine Einverständnisabsage (wie heißt das?!) ist dann mal wichtig?! *bückenddenKotzstrahlwegwisch

Beschleunigen

Es geht auch schneller, nämlich für Selbstzahler. Dann dauert der Therapiebeginn nur wenige Monate, bis irgendwo ein Platz frei wird.

Und vielleicht genügt ja der Nachteilsausgleich in der Schule, der zu gewähren ist. Allerdings: wenn die Schule findet, dass das nicht nötig ist, dann gibt es eben keinen. Entscheidungshoheit liegt bei der Schule.
Warum gibt es dann die Gesetze? Eine Schulleitung, die keinerlei Nachteile anerkennt, hat Mamamotzt schon erlebt. Der starke Autist solle sich halt mal zusammenreißen, hat da gehießen. Seine Eltern ließen nicht locker, am Ende gab es einen Ausgleich und eine Begleitung.

Gut informiert

Immerhin hat Mamamotzt jetzt wieder Neues gelernt, es war ein Eintauchen in eine völlig neue Sphäre, die Kinder- und Jugendförderung.

Ob das so gut ist, wie es ist, will sich ihr gerade nicht erschließen. Riesenapparat an Menschen und Gesetzen, Abläufen und Vorschriften, um einem Kind letztlich pro Woche eine Stunde an Qualitätszeit zukommen zu lassen, die sich positiv auf die weitere Entwicklung auswirken soll.

 Das Problem liegt woanders

Nette Sätze aus dem Lern-Förder-Kreisel sind:
„Akzeptieren Sie als Eltern, dass nicht jedes Kind ein späterer Nobelpreisträger wird.“
„Nicht jede unterdurchschnittliche Note ist krankhaft, manche Menschen haben einfach kein Talent für die Schule, was sie nicht daran hindert, ein erfülltes Leben zu führen.“
„Beschäftigen Sie sich mit Ihrem Kind!“
„Zuviel TV schadet einigen Kindern mehr als anderen.“
„Alle Kinder können Mathe, wenn sie denken können. Sie lernen aber nicht alle mit den gleichen Regeln gleich gut.“

Diese Sätze sind kunterbunt aus der Erinnerung geschrieben.

Aber das Lernproblem steht nach Mamamotzts Erachten nicht im Vordergrund. Das Kind ist nicht depressiv, weil es schlechte Noten schreibt, sondern aus anderen Gründen, UND es schreibt deswegen oder vielleicht auch noch dazu schlechte Noten.
Ihr Ansatz ist nach wie das Selbstwertgefühl dieses Kindes. Das schon fast immer auffallend gering ist, aber sich bereits sehr gut gefestigt hat. Durch Mutterpower. Rückhalt. Förderung. Ohne es laut als Problem samt Förderung zu benennen. („Tscheisson kann dies nicht und das nicht, nicht wahr, Tscheisson? Und dann hat er diese Therapie und jene Therapie und dann noch den Termin, nicht Tscheisson, aber es hilft alles nichts. Denn, Sie sehen ja, Tscheisson spricht ja nicht, wenn andere dabei sind, nicht, Tscheisson?!“ 1 zu 1 erlebt, nur das Kind heißt anders.)

Die Einordnung in eine seelische Behinderung und Therapieanträge etc. wurden auf einer von einer Kopie einer Kopie kopierten Kopie übergeben. Massendiagnose, offenbar.
Verlegenheitsdiagnose?
Kann ja nicht schaden?

Offene Fragen

Es bleiben in der ersten Panik, was für eine riesige Maschinerie angeschmissen wird für ein paar „Nachhilfestunden“, konfuse offene Fragen.

Was passiert, wenn Mamamotzt sich gegen Therapie entscheidet, auf Nachteilsausgleich in der Schule baut und sich (momentan wider Erwarten) die Probleme doch verschlimmern?

Muss sie dann als „nachlässige“ Mutter Sanktionen fürchten?

Ist es möglich, das Kind anders als mit der nicht passend zu scheinenden Lerntherapie zu unterstützen?

Kämpft sie nicht genug, wenn sie gleich bei so kleinen Anforderungen aufsteckt bzw. sich die Konsequenzen mehrfach überlegt? (Andere Familien meistern offenbar reihenweise die Anträge und bekommen die Kosten erstattet.)

Tendenz: nicht machen

Der Tenor dieser geschriebenen, öffentlichen Gedanken ist offenbar: erstmal keine Therapie anstreben. Denn eine kurzfristige Hilfe ist die für das Kind ohnehin nicht. Es würde sich derzeit vor Ort rund 9 Monate ziehen, bis es losgeht. Zeit, die das Kind hemmt, weil es denkt, ihm fehle etwas. Sonst bekäme man ja nicht einen Termin nach dem anderen für diverse Untersuchungen, Tests und Gespräche in einer besonderen Einrichtung.

Für das betroffene Kind passt irgendwie nicht. Mutterinstinkt.

Beim Sprechen darüber äußerten zwei Familien, sie hätten die Therapie abgebrochen, v.a. weil die Kinder nicht mitmachen, bei einer Familie hat es gut geklappt. Komplett verschiedene Settings, verschiedene Bundesländer.

Ach, liebes Internetz, danke für deinen Platz zum Gedanken sortieren!

Vom Warten und Kokeln, Geburtstag und Palliativpflege

Ein Brillant hat Geburtstag.

Es gibt den traditionellen Geburtstagsmorgen im Wohnzimmer von Mamamotzt. (Sonst wird morgens immer in der Küche gefrühstückt.)

Kerzen, Geschenke auspacken, das Frühstück für alle besteht aus Bonbons, Schoki und was man sich an ungesundem Zeug nur denken kann. Pro Kind einmal im Jahr ist das erlaubt, jawoll!

Trotzdem fährt der Schulbus früh und die Mannschaft verlässt das Haus entsprechend zeitig.

Der Pflegling muss ins Krankenhaus, die Situation ist zu Hause nicht mehr haltbar. Mamamotzt übernimmt den Transport und erfährt mal wieder, dass auch trotz ordentlicher Anmeldung über den Hausarzt und mit Überweisung auf Station etc., die Aufnahme im Krankenhaus nur über die Notaufnahme läuft. Und der Patient, bei dem bereits mehrere Ärzte das Problem eindeutig diagnostiziert haben und bei dem es wirklich um Stunden geht, sich einreiht in die Reihe derjenigen, denen es erst an diesem Morgen einfiel, sich die Finger zu verstauchen oder vor ein Auto zu laufen oder in eine Wespe zu treten.

Stundenlang sitzt Mamamotzt mit dem Patienten, der bereits grau angelaufen ist, die Augen ganz tief in die Augenhöhlen gesunken, dessen Brustkorb sich nur noch mühsam und wenig hebt und senkt, der gar nicht mehr sitzen kann sondern nur für den Transport in seinen maßangefertigten Rollstuhl geklemmt wurde, in der dunklen, stickigen Notaufnahme.

Die Rettung so nah und doch so weit

Um sie herum wuseln x Menschen, die nur mal das entsprechende Präparat geben müssten, aber: das geht nicht, das muss laut Vorschrift in einer anderen Etage passieren.
Grausam. Denn physikalisch ist die Etage egal. Aber die Notaufnahme verabreicht nur erste Hilfe und hier steht das Problem ja schon fest, wie die Eingangsuntersuchung auch erneut bestätigt hat. Ein Wirkstoff ist zu verabreichen. Bitte warten, bis auf der richtigen Etage eine richtige Behandlung losgehen kann.

Der Patient haucht, er lege sich nur noch auf das Bett und das wäre es dann. Er kann nicht mehr. Der Zustand sei bereits mehr Himmel als Erde. Um einen herum die Menschen, die helfen könnten und es nicht tun (dürfen).
Grausam.

Die Stunden vergehen, Mittag, weit entfernt vom Krankenhaus wird der Geburtstagsbrillant gleich alleine vor der verschlossenen Tür stehen. Nie hätte Mamamotzt sich vorgestellt, dass die Übergabe im Krankenhaus so lange dauert.

Mamamotzt holt Essen für den Patienten, eine weitere, überwiegend eingeschränkte Begleitperson und sich. Der Patient hat keine Kraft mehr. Nichts mehr essen, nichts mehr trinken. Nur noch einmal hinlegen, für immer. Nicht mehr im schmerzverursachend harten Rollstuhl hängen. Nichts mehr. Nie wieder. Schluss. Ende.
Grausam. Es fehlt nur ein Wirkstoff, ein Tropf, der endlich, verdammt nochmal angehängt werden müsste. Alle wissen es, keiner macht was. Falsche Etage.
In der richtigen Etage ist noch kein Zimmer frei.

Was ist Zeit, was ist Leben, was ist wichtig?

Die Zeit verrinnt, und damit das Leben des Patienten unter ihren Händen, und zu Hause steht in Kürze der Brillant vor verschlossener Tür und wie es eben ist, sind auch alle Notfallnachbarn just an diesem Tag nicht erreichbar. Sapperlot.
Großartiges Geburtstagsfeeling.

Nach etlichen weiteren Wirren, – oh, der Patient ist schwer pflegebedürftig?!  na, das geht ja gar nicht auf der normalen Station, auf die solange gewartet wurde – , gibt es auf einer ganz anderen Station ein Einzelzimmer am Ende des Gangs. Ganz weit weg vom Schwesternzimmer. Für einen hilflosen Patienten, der kräftemäßig kaum noch in der Lage ist, den roten Knopf zu drücken.

Geben Sie dem Patienten keine Chance mehr? Es wirkt wie ein Zimmer zum Sterben. Dabei würde die Infusion helfen. Und wann kommt die endlich, verdammt noch eins???
Einsam und alleine im Krankenhaus sterben, das, was der Patient sich immer gewünscht hatte. Das, weshalb Mamamotzt überhaupt pflegt. Seit Jahren inzwischen. Um genau DAS zu vermeiden.

Himmel, Arsch und Wolkenbruch! Was für ein beschissener Geburtstag!

Die Würde des Menschen am Lebensende

Der Patient möchte sich erleichtern, die einweisende Schwester schiebt den Rolli vor das Badezimmer und fragt munter: „Den Rest schaffen Sie alleine?!“
Schon mal mehr gelacht!
Es braucht eigentlich zwei Personen, um den Pflegling aufs Klo zu hieven und dort zu halten, weil gar keine Körperspannung mehr vorhanden ist. Nein, Pampers sind keine Alternative! Besonders nicht, wenn der Patient sehr klar ist und das eigenmächtige Verrichten der Notdurft (per Ansage und mit viel Hilfe zwar, aber trotzdem) das einzige ist, was noch „selbst“ geht. Eine Frage der Würde.

Nach weiteren, dusseligen Aufnahmegesprächen auf der richtigen Etage (warum muss es denn so oft gefragt werden, allein in diesem Krankenhaus war der Patient schon oft in den letzten Jahren, alles bestens bekannt) kommt endlich der Tropf mit dem richtigen Medikament.

Brillanten vor der Tür

Schnell nach Hause, dort sitzen tatsächlich bereits seit Stunden inzwischen, und inzwischen auch im Treppenhaus seit zehn Minuten zwei der drei Brillanten. Der dritte hätte einen Schlüssel gehabt, aber hatte überraschend Langtag. Neues Schuljahr, immer Chaos.

Mamamotzt ist bereits völlig fertig und könnte einfach nur noch Chillen. Aber der Brillant hat doch Geburtstag, die Party geht doch jetzt erst richtig los!

Ein alter Freund vom Geburtstagsbrilli meldet sich, er würde gerne kurz persönlich gratulieren. – Perfekt! Der kommt eh nie alleine sondern immer mit Geschwistern und Mutter, sollen sie ruhig kommen. Die können das Mamamotztsche Chaos ab! Der Kuchen wird in kleinere Stücke geschnitten, mehr Kaffee gekocht, die Sonne kommt raus, die Kindertruppe spelunkert über das große Grundstück der Großeltern.

Es gibt gar kein Programm an diesem Geburtstag, kaum Vorbereitung außer Geschenken und Kuchen. Ein Programm hätte ohnehin nicht durchgezogen werden können.

Und es ist wunderschön, so, wie es ist. Weil da Leben ist, lachende Kinder, eine sagenhafte Enge am Esstisch, Improvisation in Vollendung, Freude über das glimpfliche Ende des schrecklich begonnenen Tages, ein Lagerfeuer, was der uralte Opa für die Kinder „leitet“. Der sich dabei nochmal Chef sein kann, so wie er es früher war.

Ab und an sticht es, dass der Pflegling nicht dabei sein kann und alleine weit weg im Krankenhaus liegt. Die medizinische Versorgung ist dort sicher prima, aber pflegerisch wird es mangeln. Ist bedauerlicherweise so.

Zwei gezauberte Bleche Pommes und halbe Würstchen machen den Abend rund. Irgendwie reicht das Essen auch für doppelt so viele Leute wie gedacht und Improvisieren geht ja offenbar ganz einfach.

Ein außergewöhnlich herzlicher, schöner, erinnerungswürdiger, Brillantengeburtstag war das.
Wer braucht schon Deko und Topfschlagen?!